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 Zeitgeschichte der BRD / DDR bis 1990
Stratege Offline



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13.11.2010 16:40
#1 Fleißige Lakaien der Stasi antworten

Mehr als 1550 Westdeutsche spionierten für die DDR. Sie lieferten auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse.

Wilhelm Gronau war ein zuverlässiger Spion. Unter dem Decknamen „Steiger“ lieferte der bundesdeutsche Gewerkschaftsfunktionär dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit „äußerst wertvolle Informationen“. Spionagechef Markus Wolf lobte Gronau überschwenglich: „Mit Akribie Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat durchforschte und ermittelte er.“

Doch selbst Topspitzel „Steiger“, unter anderem persönlicher Sekretär des damaligen DGB-Vorsitzenden Willi Richter, war offensichtlich nicht immer im Bilde. 1972 offerierte er der MfS-Spionage einen künftigen vielversprechenden West-Informanten. „Mischa“ Wolf dürfte vor Lachen kaum in den Schlaf gefunden haben. Denn Gronau favorisierte den Bonner Kanzleramtsreferent Günter Guillaume – und der stand schon seit zwei Jahrzehnten im Dienst der Stasi.

Gronau und Guillaume waren zwei besonders kapitale Spinnen im Netz der DDR-Spionage. Die geheime Arbeitsweise im dichtgeknüpften West-Maschenwerk der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) hat jetzt der Historiker Helmut Müller-Enbergs in seinem Buch „Inoffizielle Mitarbeiter des MfS in der Bundesrepublik Deutschland“ (Ch. Links Verlag, Berlin) enthüllt. Ende 1988 dirigierten die HVA und die Spionageabteilungen der MfS-Bezirke im „Operationsgebiet“ Bundesrepublik 1553 westdeutsche Informanten, die den Status eines Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) besaßen, ergaben Müller-Enbergs Recherchen. Hinzu kamen 376 Bundesbürger, die als sogenannte Kontaktpersonen über bedeutsame Informationen verfügten und von IMs systematisch ausgehorcht wurden. Nicht selten traten solche Kontaktpersonen später in den Dienst des MfS.

Die Einsätze der IM-Truppe leiteten 780 „Instrukteure“, in aller Regel DDR-Bürger, die sich unter falschem Namen, meist als Geschäftsleute getarnt, in der Bundesrepublik aufhielten. Zahlreiche „Offiziere im besonderen Einsatz“ kungelten überdies im konspirativen Dickicht des Klassenfeindes; die HVA steuerte allein 778 dieser besonders geschulten Berufssoldaten.

Das gespitzte Ohr der Stasi lauschte überall zwischen Nordsee und Alpen. Bei Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten, Regierungsbeamten, Geheimdienstlern und Kirchenmännern saßen die Stasilakaien mit am Tisch. Dreißig Jahre plauderte zum Beispiel der Vortragende Legationsrat Klaus von Raussendorf alias „Brede“ vom Auswärtigen Amt über seine Tätigkeit bei OECD und UNESCO. Der heute 62jährige Spitzendiplomat lieferte seine Erkenntnisse per Minikamera und tote Briefkästen. Seine Dienste honorierte die HVA mit mindestens 100 000 Mark sowie mehreren Verdienstorden.

Ähnlich gesprächig wie Raussendorf zeigte sich sein Kollege im Auswärtigen Amt, Legationsrat Karl-Heinz Rode, alias „Maro“, 51, der Referatsleiter im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, Knut Gröndahl, „Töpfer“, 57, und der Regierungsdirektor im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Horst Möller, „Weber“, 61.

Fest im Griff hatte die Stasi auch mehrere westdeutsche Universitäten. „Höchste Priorität“ genoß die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/ Nürnberg (Objekt „Isar“) wegen ihrer Grundlagenforschungen über Roboter-Technologie und moderne Werkstoffe. Seit 1974 zog ein Dutzend als Wissenschaftler getarnter Stasiwerber auf Kundenfang an der fränkischen Hochschule. Sie rekrutierten Informanten wie den Dozenten „Roland Wegner“. Der Experte auf dem Gebiet der Werkstoffkunde lieferte seinem MfS-Führungsoffizier im April 1988 nicht nur vertrauliche Unterlagen, sondern auch Muster von hochwertigen Industrie- Keramiken.

Als sprudelnde Quelle erwies sich auch der Lehrstuhlleiter „Fritz Störmer“, den das MfS als Kontaktperson klassifizierte. Noch im Herbst 1989 warb ein Stasi-IM den damals 30jährigen wissenschaftlichen Mitarbeiter „Weber“ für die Mitarbeit an. „Mindestens zehn solcher Vorgänge“ sind laut Müller-Enbergs an der Uni Erlangen/ Nürnberg nachweisbar.

Über militärische Mikroelektronik, etwa den Einsatz von Rechneranlagen im Hauptquartier der Bundesmarine, erfuhr die Stasi alles Gewünschte von Wilhelm Paproth, 65, Deckname „Birke“. Der Vertriebsbeauftrage beim Computerkonzern IBM in Essen soll nach Expertenschätzung der DDR mehrere hundert Millionen Mark Entwicklungskosten erspart haben. Sein Agentenlohn von knapp 50 000 Mark nebst „Kampforden der Deutschen Demokratischen Republik“ fiel dagegen spärlich aus.

Politiker wie den Ministerialrat im Bundesarbeitsministerium Henning Nase, „Dorn“, 55, oder den inzwischen verstorbenen Berliner SPD-Abgeordneten Bodo Thomas, „Hans“, erfaßte die Stasi ebenso als IM wie den rheinischen Pfarrer Gottfried Busch, 60. Letzterer spionierte unter dem Decknamen „Baum“ seit 1960 unter anderem in der Bonner Johanneskirchen-Gemeinde Röttgen politische Interna für das MfS aus.

Doch die Erfolgsgöttin zeigte Markus Wolfs Agenten gelegentlich auch ihre kalte Schulter. Seit 1983 sollte der hochrangige Münchener BND-Mitarbeiter „Konrad“ auf seine Bereitschaft zur inoffiziellen Mitarbeit überprüft werden. Fünf lange Jahre recherchierten sechs unabhängige Ermittlergruppen des MfS mögliche Schwachstellen in „Konrads“ Privatleben. Obwohl die Schnüffler sogar Bettgewohnheiten und geheime Telefonanschlüsse ihres Opfers ausgekundschaftet hatten, erwies sich ihre Aktion schließlich als Luftnummer. Ein Grundstücksnachbar von „Konrad“ hatte im Auftrag der HVA die Daten schon seit Jahren ermittelt.

Aus :focus

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